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20.04.11

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„Schwanensee“ – und was John Neumeier daraus machte

„Schwanensee“: das Ballett der Ballette. In der Matinee am vergangenen Sonntag erklärte John Neumeier noch einmal sehr eindrücklich, wie schwer es sei, hier auch nur im Entferntesten etwas wie eine Originalversion auszumachen. Wir können uns heute nicht mehr vorstellen, wie 1877 Tschaikowskys Meisterwerk in Moskau durchfallen, immer wieder mediokre Realisierungen erfahren und musikalisch wie szenisch zu einem enttäuschenden Misserfolg werden konnte. Erst als Petipa und sein genialer Assistent Lev Iwanov es dann 1894, tragischerweise ein Jahr nach Tschaikowskys Tod, in die Hand nahmen und noch einmal choreographierten, traten Ballett und Komposition einen Siegeszug ohnegleichen an – fast jeder, auch derjenige, der nie im Ballett war, kennt heute zumindest den Titel. „Schwanensee“ ist zum Synonym für das Ballett des 19. Jahrhunderts geworden.

Das schönste Beispiel für die neue Art zu choreographieren, die vor allem Iwanov in den weißen Akt einführte, ist im „Schwanensee“ das Adagio, der Pas de deux von Odette und Siegfried im 2. Akt, der Weiße-Schwan-Pas de deux, (der auch Vorbild war für den „Sterbenden Schwan“ von Mikhail Fokine). Den Stepanov-Notationen, die von Nicholas Sergeyev während der Revolution aus Russland herausgeschafft und in den Westen gerettet wurden, verdanken wir, dass es Aufzeichnungen dieses Balletts gibt und wir uns wenigstens ungefähr ein Bild machen können, wie es ausgesehen hat in der Fassung von Petipa und Iwanov. Deren „Weiße Akte“ sind legendär in ihrer Mischung aus Formstrenge und Poesie. John Neumeier behält in seiner Version des „Schwanensee“ diese Original-Choreographien bei; als Ballett im Ballett erstrahlen sie in „Illusionen – wie Schwanensee“ in ihrer noch heute gültigen, ungebrochenen Schönheit und formalen Perfektion.

John Neumeier schuf 1976, vor genau 35 Jahren, seine Hamburger Fassung dieses Balletts zusammen mit Jürgen Rose, erstaunlich heutig, psychologisch aufgeladen und genial gebunden an die Figur des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. Die Figur des Siegfried, eines im Libretto eher blassen, gelangweilten Prinzen, bekommt Züge des Bayernkönigs, der wiederum Folie ist für ein weit größeres Konfliktpotential: eines genial begabten, künstlerisch ambitionierten Titelhelden, der hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Neigung, zwischen den Ansprüchen seines Amtes, der gesellschaftlichen Konvention und sexuelles Hingezogensein zu Männern, verzweifelnd an dem Balance-Akt, ein erfülltes, liebevolles und befriedigendes Leben zu realisieren, seinen Weg geht bis in den unvermeidbaren Tod. Der Mann im Schatten, eine Kunstfigur, die Neumeier logisch entwickelt aus der Vorlage des Zauberers Rotbart, ist gleichzeitig Spiegelbild Siegfrieds/des Königs, Alter Ego, ersehnter Geliebter und dunkler Schatten auf des Königs Leben, Projektionsfläche all seiner Sehnsucht. Im Wechsel zwischen Realitätsebene und Illusionsebene vollzieht sich das Schicksal des Königs vor unseren Augen und wird eins mit der Geschichte des Prinzen in „Schwanensee“.

Hingabe auch beim Ensemble des Bayerischen Staatsballetts, das mit „Illusionen – wie Schwanensee“ zum achten Mal ein Ballett John Neumeiers interpretiert – Vincent Loermans, selbst Tänzer und neuerdings erfolgreicher Fotograf, erwischte seine Schwanenkolleginnen hinter der Bühne in bester Pausenlaune – trotz anstrengender Schlussprobenphase offensichtlich voller Freude und Elan!

Von Bettina Wagner-Bergelt

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Die „Schwäne“ des Bayerischen Staatsballetts, fotografiert von Vincent Loermans.

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Kommentare (4)

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  1. Ein sehr netter Schwarm Schwäne ;-)
    Freue mich schon auf die Vorstellung. Und für morgen: toi, toi, toi !

    — Karsten · 20.04.11 · #


  2. Und erst der Männer Pas-de-deux…..!!!!!!
    Wunderschön emotional

    Freu mich auch auf das Live-Erlebnis in München
    Endlich …….

    — Elfi · 22.04.11 · #


  3. Etwas, das aus der Kunst heraus in eine Bewegung gefunden hat, die den Menschen unbedingt braucht, um existent zu sein. Eleganz ist eine doch selbstbewusste Bewegung der Schönheit. Mit jedem Tanz reichst du dem Diesseits die Hand. Und in besten Momenten, da kommt Tanz dem Überwinden der Trennung von Geist und Materie am nächsten.

    — Marius · 22.04.11 · #


  4. Danke an den Verantwortlichen, der das Ballett an die Bayer. Staatsoper geholt hat. “Der Kini ist dahoam”, da wo er hingehört, nämlich nach MÜNCHEN und nach BAYERN !!!!! Und ich bin nicht die einzige im Publikum, die das so empfunden hat.
    Nach vielen Jahren nur Video werde ich mir in Zukunft dieses wunderbare Ballett (auch wieder mal Dank an den verehrten und bewunderten genialen John Neumeier, der nur wunderbare und exquisite Ballette macht) öfters Live gönnen und hoffe die Produktion wird lange im Spielplan bleiben.

    — Elfi · 25.04.11 · #




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