18.10.10
Medea Reloaded – oder: Warum es den Kindsmord brauchte
Um eins kommen wir nicht herum, auch nicht in diesem liberalen und aufgeschlossenen Blog: Es geht um die Tatsache, dass Medea aus purer Rache an ihrem untreuen Mann nicht nur erst die Nebenbuhlerin tötet, sondern anschließend auch noch die gemeinsamen, also eigenen Kinder.
Folgen wir dieser Geschichte doch erst einmal nur dreiviertelt: Die charismatische, kluge, mit Herrschaftswissen ausgestattete Medea verliebt sich in den dahergelaufenen Schönling Jason, der, verkürzt gesagt, um sein Königreich gebracht worden ist, aber doch so gern eins hätte. Die Krone ist ihm gegen Wiederbeschaffung des Goldenen Vlieses versprochen worden und Jason hat, ohne dies als List zu durchschauen, den nun folgenden Argonautenzug nach Kolchis bestritten. Dort will ihm die in Liebe entbrannte Medea nun gefallen, und sie nutzt ihr Wissen, um mit Jason das Vlies zu holen und seine Widersacher zu rächen, eine gewaltdurchtränkte Episode wie alle vorigen. Das alles bringt Medea den Ehering; Thron und Happy End stehen am Ende dieser Unternehmung aber freilich nicht – Giovanni Simone Mayrs Oper setzt, im Gegenteil, jetzt erst ein.
Der Speichelfluss des Throngierigen ist noch nicht gestockt, da wittert dieser seine nächste Chance durch Einheiraten in das Königreich Korinth und greift zu – in Form einer Affäre mit Königstocher Kreusa. Diese Rechnung hat er jedoch ohne die stolze Ehefrau gemacht. Die starke, auch herrische und selbstsüchtige Medea lässt sich den Treubruch ihres Mannes nicht gefallen und bringt mittels eines vergifteten Kleides – Klassiker der weiblichen Gewalt – die Andere, Typ rehäugiges Opferlamm, um die Ecke. Mit nun doch einigem Dreck am Stecken flieht Medea und macht als Stammesmutter der späteren Meder ihr eigenes Ding.
Im Raum steht damit die Idee einer Frau, die aus Rache und Stolz sämtliche, jedenfalls der Frau zugedachten Regeln bricht und in diese Gewaltspirale als eigenständige und erfolgreiche Akteurin eintritt. Doch auch, wenn wir unserer Protagonistin noch so wohlwollend begegnen sollten – der eigentliche Hammer folgt im letzten Viertel der Geschichte.
„Gibt es etwas, was eine verratene Frau nicht wagen würde?“, fragt noch im 2. Akt der Oper – vielleicht rhetorisch – des Königs Diener Tideo. „Ich habe alle Freuden der Rache genossen“, antwortet Medea bald. „Das verhasst Blut [Kreusas] habe ich mit den Augen getrunken: dann war ich glücklich… doch mein Durst ist noch nicht gelöscht“. Und mit dem blutigen Dolch in der Hand wird Medea später verkünden, ihre Kinder im Schlaf erstochen zu haben.
Wie auch immer man diese Geschichte erzählen mag: ihr Kern bleibt, dass Medea erst die Nebenbuhlerin vergiftet und dann ihre Kinder tötet. Warum es am Ende so kommen muss, darauf kommt aus wenigstens zwei Ecken eine unterschiedliche Antwort. Eine klare Dämonisierung weiblicher Rache, mag da der Feminismus rufen. Dass ein gesellschaftlich von Gewalt durchtränktes Fundament stets neue Gewaltexzesse gebiert, meinen vielleicht die Soziologen (und Regisseur Hans Neuenfels würde wohl nicken).
Zwischen diese Pole sei nun ein hauchdünner Faden gelegt, über die ganze Breite der Bühne, klebrig und dehnbar wie der eines Spinnennetzes. Er kann aufgenommen werden vom Zuschauer, der ihn vielleicht weiterknüpfen mag zu jenem Netz, das Medea schließlich, unter den Augen der hetzenden Korinther, auffängt oder zu Fall bringt.
Von Maria März
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Maria Maerz: You are very funny -I like your style! I can almost see Neuenfels directing this thing.( He’s the one who did the Bayreuth Lohengrin with the rats, no?) Ebenfalls for Laura Schieferle, die Fahne muss nun wieder hoch! Jetzt schnell ein Bier!
— Gunter Berndt · 18.10.10 · #