18.02.11
Zwei Paar am Abend
Stickig ist es in ihrem fensterlosen Büro, es riecht nach Leder, Stahlschränke säumen die Wände dieses schmalen Raums. Das ist der Arbeitsplatz von Elaine Underwood, eine Schatzkammer für jedes Mädchen, das von einer Karriere als Ballerina träumt. Denn in den Schränken lagern Hunderte von Spitzenschuhen. Hier – in der Ballettschuhverwaltung des Bayerischen Staatsballetts – werden die Tänzer mit dem richtigen Schuhwerk ausgestattet. „Wer die falschen Schuhe trägt, kann nicht richtig tanzen und sich sogar verletzen,“ erklärt Underwood.
Elaine Underwood ist eine große, agile Frau. Wenn sie sich bückt, um in einem der unteren Schrankfächer zu wühlen, fällt auf, dass sie selbst in einer solchen Position noch Haltung hat; ihr Rücken ist gerade wie ein Brett. Ob sie den Spagat noch kann? Underwood schaut, als sei dies die absurdeste Frage, die sie je gehört hat. „Wenn ich aufgewärmt bin, natürlich!“ Die 61-Jährige stammt aus Großbritannien. Im Alter von sechs Jahren begann sie mit dem Ballettunterricht, absolvierte später ihre Tanzausbildung in Newcastle-u-Lyme und an der Royal Ballet School in London. Es folgte ein zweijähriges Engagement in Graz. 1969 holte sie der bekannte Choreograph John Cranko nach München. „Und nun, 40 Jahre später, bin ich noch immer hier, mit deutschem Mann und zwei erwachsenen Kindern,“ erzählt sie. 15 Jahre lang tanzte sie beim Bayerischen Staatsballett, zwölf davon als Solistin – am Ende „aber nur noch mit starken Schmerzen“. Denn bei einer Hebefigur war sie über die Schulter ihres Partners gefallen und hatte sich an der Wirbelsäule verletzt. Rückenprobleme erschwerten fortan ihr Training. Doch sie quälte sich und tanzte weiter, etwa die Tatjana in Onegin – „die Rolle meines Lebens“.
Sie zeigt alte Schwarz-Weiß-Fotos von sich. Auf manchen schwebt sie mit gespreizten Beinen in der Luft. Elaine Underwood hat sehr lange Beine. Tatjana Berini kommt in diesem Moment ins Zimmer. Auch sie war einst Solo-Tänzerin, heute ist sie Masseurin beim Staatsballett. Berini greift sofort nach den Fotos von früher. Schon werfen die Beiden mit Namen um sich, diskutieren darüber, welcher Tänzer die schönsten Muskeln hatte. Damals. Sie schwelgen, sie lieben das Ballett noch immer. Oder besser: wieder. Denn als Elaine Underwood ihre Karriere 1984 unter Schmerzen beendete, schmiss sie die Schuhe erst einmal in die Ecke. „Ich wollte vom Tanzen erst einmal nichts mehr wissen.“ Sie fiel in ein Loch, 34 war sie damals. „Zum Glück hatte ich meine zwei Kinder. Sie haben mich abgelenkt.“
Fast alle Profi-Tänzer überkommt dieses Gefühl der Leere nach ihrer Laufbahn. Denn das Ballett erlaubt es kaum, sich nebenher ein zweites Standbein aufzubauen. Tanzen ist ein Vollzeitjob, der Disziplin und Opferbereitschaft fordert wie kaum ein anderer Beruf. Tagsüber Training, abends Vorstellungen. Schon allein die Ausbildung dauert bis zu zehn Jahren. Wenn man gesund bleibt, kann man vielleicht 15 Jahre lang auf der Bühne stehen. In ihrem Buch Ballett – und dann? hat die Autorin Maja Langsdorff die Lebenswege ehemaliger Tänzer beschrieben. Es zeigt: Die meisten Biographien verlaufen nach dem „Ausstieg“ im Zick-Zack-Kurs. Die unruhige Suche nach einer neuen Berufung.
Auch Elaine Underwood hat das hinter sich. Sie machte eine Umschulung zur Bürokauffrau. Ihr kaputter Rücken erlaubte ihr aber keinen Job, bei dem man lange sitzen muss, und so ging die Suche jahrelang weiter. Sie gab Pilates- und Ballett-Unterricht und betreute später die Studenten an der Münchner Ballettakademie. 2001 schließlich kam ein Anruf vom Bayerischen Staatsballett. Es wurde dringend ein Spitzenschuhverwalter gebraucht. Elaine Underwood sagte „ja“. Sofort. Sie konnte zurück zum Ballett.
„Ich bin endlich wieder zu Hause, aber ich habe den Vorteil, dass ich mich nicht mehr mit wunden Füßen herumplagen muss.“ So weit es geht, versucht sie diese aber natürlich bei ihrer „Kundschaft“ zu vermeiden. 66 Tänzer zählt das Ensemble. Sie alle brauchen stets die richtigen Schuhe. Die Männer, die ja „nur“ in Schläppchen tanzen, kommen selten zu ihr. Die Frauen haben wegen ihrer Spitzenschuhe aber erheblich höheren Beratungsbedarf. Es dauert lange, bis eine Tänzerin den richtigen Schuh gefunden hat; den für sie besten Hersteller, die rundum richtigen Maße, die richtigen Sohlen. Jede Tänzerin hat ihren eigenen Schuh. „Seit ich diesen Job mache, weiß ich mehr über die Schuhe als damals, als ich sie getragen habe,“ lacht Underwood, die regelmäßig die Hersteller besucht, um über Neuentwicklungen informiert zu sein. Und die oft zu den Proben geht, um zu schauen, ob die Tänzer mit ihrem Schuh zurechtkommen.
Elaine Underwoods Job-Bezeichnung kommt nicht von ungefähr: „Verwalterin“. Denn neben beraten muss sie vor allem organisieren und ein Auge aufs Budget haben. Der Verschleiß von Ballettschuhen ist enorm: Eine Solotänzerin verbraucht etwa 100 ihrer Spitzenschuhe pro Spielzeit, eine Gruppentänzerin bis zu 60. „Bei einer Hauptrolle in Schwanensee kann es sein, dass zwei Paar an einem Abend durch sind.“ Die Hersteller haben Lieferzeiten zwischen zwei- und fünfeinhalb Monaten. Und hier ist Underwoods logistisches Geschick gefragt: Sie muss stets genügend Schuhe für drei Monate vorrätig haben. Allerdings kann sie nicht einfach für jeden Tänzer Unmengen Schuhe ordern, denn deren Maße ändern sich, etwa durch Verletzungen, und natürlich sind auch je nach Repertoire mal wieder andere Schuhe gefragt.
Über Spitzenschuhe gibt es viele Legenden – und nicht zuletzt der Film Black Swan hat in den vergangenen Wochen Vorurteile geschürt. Viele meinen, am vorderen Fußende befinde sich ein Stück Holz. Dass solche Mythen nie aussterben, liegt nicht zuletzt an den Herstellern selbst. Sie hüten ihr Rezept wie den heiligen Gral. Underwood: „Basis des Spitzenschuhs ist eine fest gewordene Paste aus Mehl und Wasser. Die restlichen Bestandteile werden nicht verraten – aber es ist definitiv kein Stück Holz dabei.“
(In einer gekürzten Version ist dieser Artikel bereits in der Wochenzeitung Die Zeit erschienen.)
Von Katja Schönherr
Fotogalerie


Wir freuen uns über Ihre Kommentare! Beachten Sie jedoch, dass Ihr Beitrag nach der Vorschauansicht sofort online erscheint. Wir bitten Sie also, die üblichen Regeln des menschlichen Umgangs zu respektieren.